Der russische Online-Musikanbieter allofmp3.com ist seit Mitte der letzten Woche nicht mehr aufrufbar. Dass allofmp3.com aus dem WWW verschwunden ist, ist eine direkte Folge politischer Verhandlungen auf höchster Ebene, denn die USA machten den Beitritt Russlands zur WTO explizit von der Eliminierung des Musikanbieters abhängig. Diese Forderung hat Russland nun eingelöst. Mit welchen Mitteln dies bewerkstelligt wurde, ist unklar. Trotz mehrer gerichtlicher Verfahren konnte man den Betreibern des Musikdiscounters auf juristischem Wege nicht beikommen. Dass aber die russischen Behörden im Umgang mit unliebsamen Elementen aus der Wirtschaftswelt durchaus kreativ sein können, ist hinlänglich bekannt. Der Times gegenüber bestätigten Mitarbeiter von allofmp3.com, dass der Download-Service auf Druck von Seiten der Regierungsbehörden eingestellt wurde.
Allofmp3 erfreute sich sowohl in Europa wie auch in den USA grosser Beliebtheit. Wer keine Skrupel hatte, seine Kreditkartennummer auf einer russischen Website einzutippen, der konnte Musikalben und einzelne Songs zu lediglich einem Zehntel der üblichen Preise downloaden. Statt einen Dollar wie bspw. bei iTunes zahlte man nur noch 10 Cent pro Song. Preise, die überzeugen: lLaut einem Gründer der Site zählte allofmp3.com 5,5 Millionen registrierte Kunden. Die Musikindustrie brandmarkte die Inhaber der Firma MediaServices – der Betreiberin von allofmp3 – als Musikpiraten. Diese hielten dagegen, dass die Geschäftspraxis dem russischen Recht entspräche und regelmässige Urheberrechtsabgaben an russische Verwertungsgesellschaft „ROMS“ entrichtet würden.
Doch was russischem Recht entspricht muss in anderen Ländern nicht legal sein. In Deutschland wurden von der deutschen Musikbranche Betreiber von Websites abgemahnt, die direkte Links auf den nach deutschem Recht illegalen Online-Musikmarkt publiziert hatten. Auch in New York liessen Sony BMG, UMG Recordings und Warner Bros. ihre Muskeln spielen. Sie verklagten MediaServices auf 1.65 Billionen Dollar. Das Argument der Betreiber, dass allofmp3 im Ausland nicht beworben würde, ist fadenscheinig. Einerseits wird die Seite neben Russisch auch in englischer Sprache angeboten, andererseits werden die Preise in Dollar angegeben. Man schätzt, dass allofmp3.com 80 Prozent seines Gewinns durch Downloads im Ausland einfährt. Und dieser Gewinn ist nicht zu knapp: Man rechnet mit 10 bis 14 Millionen Dollar jährlich.
Rechtliche Schritte im Ausland kümmerten die russischen Musikvertreiber bisher nicht. Im Gegenteil: Der Rummel um die Sanktionen gegen Webseitenbetreiber machte die bereits im Jahre 2000 gegründete Seite allofmp3.com im Westen erst richtig bekannt. Im eigenen Land konnte in keinem gerichtlichen Verfahren ein Gesetzesverstoss nachgewiesen werden. Dennoch zog sich im seit Ende 2006 die Schlinge um allofmp3.com immer enger zu. Der erste ernsthafte Schlag, den das Unternehmen einstecken musste, war der Rückzug der Kreditkartenfirmen. Die grossen Kreditkartenbetreiber – wahrscheinlich ebenfalls unter einem starkem Druck von Seiten Dritter – stellten die Zusammenarbeit mit allofmp3 ein. Einzahlungen waren für potentielle Kunden somit kaum mehr möglich. MediaServices gründete darauf mit allTunes einen weiteren Musik-Download-Service über welchen man Zahlungen für allofmp3.com tätigen konnte.
Das Katz und Mausspiel trat in eine neue Phase, nachdem die USA den WTO-Betritt Russlands direkt vom Verschwinden von allofmp3 abhängig machten. In Russland wurden entsprechende Gesetzesrevisionen wurden darauf im Juni dieses Jahres verabschiedet. MediaServices baute in der Folge eine Klon-Website namens MP3sparks auf, deren Betreibungskonzept wiederum dem neuen Recht entsprechen sollte. Gleichzeitig dachte man laut über einen Umzug in die Ukraine nach.
Nun, in der ersten Juliwoche, scheinen die WTO-Verhandlungen allofmp3 endgültig den Todesstoss versetzt zu haben. Allofmp3.com war bereits am Montag nicht mehr aufrufbar, am Freitag wurde bei MP3sparks das Licht gelöscht und allTunes konnte am Samstag morgen nicht mehr verwendet werden.
Zwar dürften bei den Plattenfirmen an diesem Wochenende die Korken geknallt haben, doch die Ernüchterung wird bald eintreten. Bereits drängen kleinere Musikanbieter, die bisher im Schatten der Grossmacht allofmp3 gestanden haben, auf den leeren Platz des erlegten russischen Bären. Auch wenn Russland seine Gesetzgebung an die von den USA geforderten strengeren Richtlinien angepasst hat, gibt es genug Länder mit liberaler Gesetzgebung. Einen Online-Unternehmer wie MediaServices koste es lediglich zwei Arbeitstage und 300 Dollar um den Dienst über einen andern Provider in Malaysia oder in der Schweiz anzubieten, so ein Telekommunikationsexperte gegenüber der russischen Zeitung Kommersant. Allofmp3 in der Schweiz? Hoffentlich nicht. Der internationale Druck auf die Schweiz würde sehr schnell sehr hoch werden und unsere liberalen Urherberrechts-Reglungen wären Geschichte.
Ob allofmp3 wirklich am Ende ist? Abwarten. Die Seitenbetreiber haben sich in der Vergangenheit als sehr findig erwiesen, und man darf sich auf Überraschungen gefasst machen… und weiter hoffen, dass man eventuell eingefrohrene Credit-Dollars auf die eine oder andere Art und Weise noch in Musik umwandeln kann.
Juli 10, 2007 um 12:05 |
[...] Totgesagte doch länger leben? Bei medialer Overkill wird darüber [...]
Juli 10, 2007 um 8:18 |
Tja, dann jetzt heisst es: Aufpassen wie ein Häftlimacher, denn die Seite taucht früher oder später wenn nicht in der Ukraine, dann sicher in Kirgisistan oder Tadschikistan oder so auf. Das Problem ist nur, dass sie dann vermutlich in kyrillisch sein wird. Vielleicht verwenden sie allofmp3.com auch als Druckmittel im Konflikt um Bergkarabach. Jedenfalls bin ich sicher, dass es Deinem scharfen Adlerauge nicht entgehen wird…
Juli 10, 2007 um 2:10 |
Als intensiver Beobachter kyrillisch verfasster Zeitschriften und staatlich kontrollierter Zeitungen im eurasischen Osten wird mir dies mit Bestimmtheit nicht entgehen. mpf.
Juli 11, 2007 um 12:20 |
Hey, ich habe noch Geld auf meinem Account bei mp3sparks!
Frechheit!